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Biographische Angaben
Das bewegte Leben des jüdischen Gelehrten Prof. Jonas Fränkel (1879-1965) ist mit einem hellen Kapitel der Schweizer Literaturgeschichte,
der Entstehung und Vermittlung von Carl Spittelers Werken einschliesslich seiner Empfehlung für den Nobelpreis, und einem
dunklen Kapitel der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden, seiner persönlichen und professionellen Ausgrenzung
durch antisemitische Tendenzen in Presse, Politik, Justiz, Wirtschaft und Wissenschaft.
Der jüdische Gelehrte, geboren am 12.8.1879 in Krakau, bereitete sich zunächst auf eine Laufbahn als Rabbiner vor. 1898 begann
er ein Studium der Kunstgeschichte, Literaturgeschichte und Philosophie an der Universität Wien; schwerhörig seit seiner Schulzeit,
konnte er den Vorlesungen nicht folgen. Bessere Bedingungen fand er an der Universität Bern, hier entdeckte Oskar Walzel seine
philologische Begabung. Fränkel promovierte 1902 mit einer Dissertation über Zacharias Werner. Nach dem Scheitern eines ersten
Habilitationsgesuchs im Jahr 1908, habilitierte er sich ein Jahr später mit einer Studie über die Briefe Goethes an Charlotte
von Stein und erhielt die venia legendi für Neuere deutsche Literaturgeschichte. Als Privatdozent war er bis 1921 an der Universität
Bern tätig. Ein Versuch der Umhabilitation nach Zürich scheiterte 1918 an dem Widerstand Emil Ermatingers, dessen Keller-Biografie
Fränkel kritisiert hatte. Von 1921 bis 1949 lehrte Fränkel in der Nachfolge Ferdi-nand Vetters als ausserordentlicher Professor
für neuere deutsche Literatur und vergleichende Literaturgeschichte an der Universität Bern.
Jonas Fränkel trat vor allem als Herausgeber von Werken und Briefen deutscher und schweizerischer Schriftsteller hervor. In
den Jahren von 1923 bis 1939 bereitete er 17 von 22 Bänden der ersten textkritischen Edition von Keller-Werken zum Druck vor.
Als er 1939 in seiner Schrift "Gottfried Kellers politische Sendung", eine Zusammenstellung aus von ihm 1936 öffentlich gehaltenen
Vorträgen, Zeitkritik am Nationalsozialismus übte, bangten die Verleger der Keller-Edition um den Absatz auf dem deutschen
Markt und nach einem Rechtsstreit wurde Fränkel 1942 die Edition entzogen und der Zugang zu den Archiven verwehrt.
Ähnlich erging es Fränkel in Sachen Carl Spitteler. Seit 1908 verband die beiden eine enge Freundschaft, die mit einer produktiven
Zusammenarbeit einherging: Spitteler schickte Fränkel Textentwürfe, die dieser kommentierte, und er unterstützte Spitteler
auch bei Übersetzungsfragen und Verlagsverhandlungen. Im Vorfeld der Verleihung des Literaturnobelpreises für das Jahr 1919
an Spitteler wirkte Fränkel im Hintergrund für ihn. Spitteler sah ihn denn auch als Nachlassverwalter, Herausgeber seiner
gesammelten Werke und Verfasser seiner Biografie vor. Zu diesem Zweck überliess er Fränkel zahlreiche Materialien, darunter
Werkmanuskripte zu "Prometheus" und zum "Olympischen Frühling" sowie illustrierte autobiografische Aufzeichnungen und diverse
private Korrespondenzen. Doch die Töchter Spittelers, beraten durch führende Schweizer Germanisten, hatten andere Pläne. Die
Eidgenossenschaft, die den Spitteler-Nachlass 1933 als ersten literarischen Nachlass geschenkt erhielt, setzte auf dem Prozessweg
die Vertragsbedingungen der Töchter Spittelers um, Fränkel vom Material fern- und vom Plan einer Gesamtausgabe abzuhalten.
Jonas Fränkel publizierte zeitlebens zu literaturwissenschaftlichen Themen und dokumentierte die Geschichte seines Exils,
seiner Editionsvorhaben und der Ausgrenzung, die er im schweizerischen und deutschen Literatur- und Universitätsbetrieb erlebte.
Bis zu seinem Tod am 4.6.1965 führte er ein Gelehrtenleben in Hünibach bei Thun.
Umfang und Inhalt der Dokumente
Der Nachlass von Jonas Fränkel ist mit dem Nachlass des Dichters, Publizisten und einzigen gebürtigen Literaturnobelpreisträgers
der Schweiz, Carl Spitteler (1845-1924), eng verflochten. Spitteler überliess Fränkel zahlreiche biographisch relevante Aufzeichnungen,
Manuskripte von publizierten und unpublizierten Werken und einige umfangreiche Briefwechsel. Im Fränkel-Nachlass befindet
sich damit nicht nur die umfangreiche Korrespondenz zur Entstehungsgeschichte einiger Werke, sondern als Krypto-Nachlass auch
die Korrespondenz Spittelers mit Dritten, sowie Briefe bedeutender Schweizer Autoren des 19. Jahrhunderts. Der Nachlass Fränkel
umfasst weiter Werkmanuskripte Fränkels, Notizen und Zettelkästen sowie umfangreiches Dokumentationsmaterial zu seinen Editionsprojekten,
biografisches Material wie Notizhefte und Tagebücher, Akten zu den juristischen und medialen Auseinandersetzungen rund um
Spitteler und die Keller-Ausgabe und nicht zuletzt ausführliche Briefwechsel. Zu Fränkels über die ganze Welt verteilten Briefpartnern
gehörten Carl Albert Loosli, Romain Rolland, Walter Benjamin, Werner Kraft oder Arthur Schnitzler, um nur einige bekannte
Namen zu nennen.
Siehe auch den Nachlass von Carl Spitteler im SLA
Fränkel, Jonas: «Bibliographie seit MCM»
http://ead.nb.admin.ch/html/fraenkel_scope.html
Administrative Informationen
Zugang
Konsultation nur im Lesesaal SLA. Einschränkungen vor allem aus urheber- und persönlichkeitsrechtlichen Gründen.
Bevorzugte Zitierweise
Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern. Nachlass Jonas Fränkel
Erwerbung
Das Material wurde durch die Familie am Standort bewahrt und 2020 teils als Schenkung, teils als Kauf ans SLA übergeben.Die
Korrespondenz von C.A. Loosli hat das SLA schon 2013 als Schenkung aus dem Nachlass erhalten, dazu auch einzelne Dokumente
zu Jonas Fränkel erworben.
Hinweise zur Erschliessung
Dieses Online-Inventar wurde aus HelveticArchives generiert. Es unterscheidet sich in seinem Erscheinungsbild von "normalen"
Online-Inventaren hauptsächlich durch die beiden folgenden Merkmale: das Datum wird mit Punkt (statt Trennstrich) angezeigt,
es gibt - strukturell bedingt - mehr „Darin“-Auflistungen im Bemerkungsfeld. In ihrem Inhalt sind die beiden Inventarformen
jedoch identisch.
2021 wurde der Kryptonachlass Spitteler fertig erschlossen und freigeschaltet.
Die Erschliessung erfolgte nach dem Provenienzprinzip - die Vorordnung der Materialien durch Jonas Fränkel, die in thematischen
Konvoluten bestand, wurde so weit wie möglich beibehalten. Um das Auffinden einzelner Materialien zu erleichtern, wurden jeweils
Verweise gesetzt.