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Fontana di Piaggio: Monument der Bewegung

«Eigentlich handelt es sich um einen rollenden Brunnen. [...] Ich stelle mir auch eine Konstruktion vor, in der ein starker Wasserstrahl an die Decke der Kabine spritzt. Die ganze Kabine würde anfangen zu tönen. Das wäre auch irgendwie ein mobiler Brunnen, den man an den gewünschten Orten parkieren könnte.»

«Fontana di Piaggio» (1995) besteht aus einem Dreiradtransporter mit knatterndem Zweitaktmotor der Marke Piaggio. Das Vehikel, gleichsam ein Archetyp eines Lieferwagens ohne jeglichen überflüssigen Luxus, besteht nur gerade aus einer kleinen Führerkabine und einem geschlossenen Blechverdeck. Roman Signer hat das einfache Gefährt zu einem mobilen Brunnen umfunktioniert und das Ladedeck mit einer Metallwanne ausgekleidet.
Ein schwarzer Gummischlauch führt Wasser von einem Hydranten ins Innere des Laderaumes, wo es, durch eine Düse komprimiert, ans Dach des Verdecks schiesst und mit hohem Druck gegen das Blech trommelt. Der gebündelte Strahl löst sich in eine Vielzahl von Wassertropfen und einen Gischtfilm auf, und das Wasser fällt in die Wanne zurück. Von dort plätschert es durch ein Rohr am Ende des Verladedecks in sanftem Bogen aus dem Gefährt, sammelt sich am Boden zu einem Rinnsal und verschwindet in der Kanalisation.
Virtuos formt der Künstler in «Fontana di Piaggio» den liquiden Gegenstand Wasser, visualisiert dessen inhärente Eigenschaften durch unterschiedlichste Seinszustände als kräftiger Strahl, pralle Tropfen, flüchtige Gischtfahne, bewegte Fläche, mäanderndes Rinnsal.... Dabei wird eine weitere Dimension, die der jeweiligen «Form» des Wassers eigen ist, deutlich wahrnehmbar, nämlich seine Klangstruktur. Wie ein Resonanzkörper verstärkt das geschlossene Verladedeck seine verschiedenen klanglichen Qualitäten.

Roman Signers «Fontana di Piaggio» hat einmal mehr eine Reise angetreten: 1995 in Langenhagen, 1997 bei der Ausstellung «Skulptur.Projekte» in Münster, und nun legt der mobile Brunnen einen längeren Zwischenhalt in Venedig ein, parkiert als «permanentes Ereignis» im Innenhof des Schweizer Pavillons. Die Abfolge von Standorten ist ein wesentlicher Aspekt des Werkes, das dadurch seine Mobilität unterstreicht und zugleich das Paradoxe eines reisenden Brunnens hervorhebt. Genau auf diese Unvereinbarkeit zwischen der Statik des Brunnens und der Dynamik des Fortbewegungsmittels zielt das Werk: eine erfrischende Erweiterung der Brunnentradition zum einen und ein hintersinniges Denkmal für den Piaggio zum andern: «Signer ist ohne Frage ein Virtuose des komplexen Einfachen, der Ironie und des Absurden, kurz: der Groteske auf der Ebene des Sublimen.» (Colin de Land)

Konrad Bitterli

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