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Gleichzeitig: Plastische Formung

«Mir hat es nicht genügt, etwas Abgeschlossenes hinzustellen, sondern ich habe immer die Veränderung gesucht. Sei es, dass ich sie selbst einleitete oder dass ich sie der Natur überliess. [...] Da geht es um einen Arbeitsprozess, in dem Sinne wie ein Bildhauer ein Stück von einem Block Marmor wegschlägt».

Auch der stillen Installation «Gleichzeitig» (1999) im Innern des Pavillons ist ein heftiges Ereignis vorausgegangen. Roman Signer verbindet die lichte Architektur des Pavillons mit seiner eleganten Ingenieur-Deckenkonstruktion mit der strengen Ordnung der Bodenplatten durch eine Arbeit, die den Moment des Fallens und Aufprallens visualisiert.

Die Oberlichtkonstruktion nutzt der Künstler als Aufhängestruktur für 117 blaue, schwere Eisenkugeln. In einem regelmässigen Raster sind sie am Metallgestänge mit Schnur befestigt, die durch je eine Zündkapsel präpariert ist. Auf dem Boden liegt unter jeder Kugel ein Block aus Ton. Mit einer simultanen Zündung werden alle Schnüre durchgebrannt: Die Kugeln fallen gleichzeitig auf die Klötze und graben sich in den Ton ein, der sich, langsam durchtrocknend, zur Spur der Ereignisse «Fallen» und «Aufprallen» verfestigt. Auf die kurze Bewegung des Durchbrennens und den schnellen Fall folgt das langsame Eintrocknen des verformten Tons.
Der Vorgang wird mittels einer Videokamera aufgenommen. Die mediale Wiedergabe des Ereignisses überspielt jedoch die Vorstellung, fallen doch die Kugeln nicht, wie der Titel des Werkes suggeriert, «gleichzeitig», sondern mit minimalen zeitlichen Verschiebungen. Das technische Medium ersetzt die visuelle Wahrnehmung und ermöglicht eine feingliedrige Ausdifferenzierung mehrerer an sich identischer temporaler Vorgänge.
Wie immer in Roman Signers Oeuvre ist den verwendeten Werkstoffen ein Potential gedanklicher Erweiterungen angelegt. Die Kugel, die an sich perfekte plastische Form, ermöglicht widersprüchliche Assoziationen: Konzentration und Bewegung, Spielerisches und Kriegerisches. Dem harten Metall steht der leicht verformbare Werkstoff Ton gegenüber. Dieses Grundmaterial plastischer Gestaltung verweist auf das klassische Handwerk, auf das Formen von Gegenständen aus einer unstrukturierten Masse. Mit leiser Ironie scheint Roman Signer im Gestaltungsvorgang die traditionelle Vorstellung von Skulptur ad absurdum zu führen, zumal sich die Form in «Gleichzeitig» durch den letztlich nicht steuerbaren, zufälligen Prozess des Fallens und Aufprallens ergibt.

Konrad Bitterli

 

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